Kann man zuckersüchtig sein?

Alle, Ernährungspsychologie | 12. Januar 2024

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Zusammenfassung: Kann man zuckersüchtig sein?

  • Zucker führt zu einer Dopaminausschüttung und wirkt dadurch belohnend.
  • Richtige Drogen führen jedoch zu einer stärkeren Dopaminreaktion als Zucker.
  • Wie wird man zuckersüchtig: durch eine Diätgeschichte, Stress und einen begrenzten Zugang zu Zucker
  • Eine "Zuckersucht" entsteht also durch Begrenzung und Verbote. Die Lösung ist hier, sich Zucker wieder mehr zu erlauben und dadurch den Reiz von Zucker zu reduzieren.


Heute geht um ein, wie ich finde, sehr spannendes Thema. Vielleicht habt ihr auch schon öfter sowas gehört wie: Zucker ist eine Droge, Zucker spricht dieselben Suchtzentren an wie Alkohol oder Kokain. Zucker macht süchtig. Und genau darum geht es heute. Ich möchte die Frage beantworten: Kann man zuckersüchtig sein? 

Zuerst möchte ich dazu sagen, dass wohl niemand das Problem hat, dass er puren Zucker in sich hineinschaufelt. Vielmehr sind es Lebensmittel mit Zucker und alles, was ich sagen werde, kann man auch auf andere Lebensmittel übertragen, und zwar auf sogenannte hyperpalatable Lebensmittel. Das ist der Fachausdruck für alle Lebensmittel, die einfach extrem lecker sind. Warum einige Lebensmittel so lecker sind und warum wenige das Gefühl haben, nach Gemüse süchtig zu sein, darauf will ich später eingehen.


Kriterien einer Sucht

Dadurch, dass niemand wirklich puren Zucker isst, wird schon deutlich, dass es sich hier nicht um eine Sucht nach einer Substanz handeln kann. Aber ich möchte trotzdem gerne erst mal eine ganz einfache Antwort geben. Denn im Prinzip ist das einfach eine Frage der Definition. Wir definieren Krankheiten anhand von diagnostischen Kriterien. Dafür können wir uns die diagnostischen Kriterien nach ICD 10 für die Abhängigkeit von einer Substanz anschauen. Die ICD 10 ist eine offizielle Klassifikation von Krankheiten. Und danach wird eine Abhängigkeit diagnostiziert, wenn mindestens drei der folgenden Symptome für mindestens 1 Jahr erfüllt werden. Und die Symptome sind: der starke Wunsch oder eine Art Zwang, eine Substanz zu konsumieren. Ich würde sagen, das kann durchaus auf Lebensmittel mit Zucker zutreffen. Ein zweites Kriterium ist eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums. Auch das, würde ich sagen, kann durchaus zutreffen, denn Essanfälle werden ja deswegen Anfall genannt, weil es eben mit diesem gefühlten Kontrollverlust einhergeht. Das dritte Kriterium ist ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums. Hier würde ich sagen, das trifft auf Zucker nicht zu. Durchaus psychische Entzugssyndrome, aber körperliche könnte ich mir jetzt physiologisch nicht erklären. Auch bei dem nächsten Kriterium, dem Nachweis einer Toleranz, d.h. um die ursprünglich durch niedrige Dosen erreichte Wirkung hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich, bin ich mir nicht sicher. Es kann durchaus sein, dass wir mehr Süße benötigen, um den gleichen Geschmack wahrzunehmen, dass unsere Geschmacksknospen weniger sensitiv werden, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob das darunter fallen würde. Das fünfte Kriterium ist die fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums oder erhöhter Zeitaufwand, um diese zu beschaffen oder sich von den Folgen zu erholen. Hier würde ich sagen, währen wir wahrscheinlich im Bereich einer Binge Eating Störung oder Bulimie. Das bezieht sich dann aber nicht explizit nur auf Lebensmittel mit Zucker. Und dann noch das letzte Kriterium: Anhaltender Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen. Ich denke auch da können viele von sich sagen, sie essen weiter, als zu viel wahrgenommene Mengen an Süßigkeiten, obwohl sie wissen, dass zu viel Zucker nicht gesund ist. Und somit würde ich sagen, können drei der sechs Kriterien, also der starke Wunsch Lebensmittel mit Zucker zu konsumieren, eine verminderte Kontrollfähigkeit und ein anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis schädlicher Folgen durchaus zutreffen. Das war jetzt aber rein hypothetisch, denn von den Diagnosen, die es gibt, befindet man sich eher im Bereich der Essstörungen. Aber man sieht die Ähnlichkeiten zur Sucht.


Warum Zucker Dopamin ausschüttet

Das Entscheidende, was jetzt aber ganz viele falsch interpretieren, ist: Zucker ist keine Droge. Eine „Zuckersucht“ ist somit eher den Verhaltenssüchten zuzuordnen. Der Unterschied ist, dass Drogen, also süchtig machende Substanzen, die Dopaminmenge im Gehirn im Vergleich zur physiologischen Reaktion erhöhen können. So wie man nach bestimmten Verhaltensweisen süchtig werden kann wie Glücksspiel, Shopping oder Sex kann man möglicherweise nach Lebensmitteln mit Zucker süchtig werden. Der Grund dafür und auch die Begründung, warum so wenige nach Gemüse süchtig werden, ist, dass Zucker, anders als Gemüse, eben diese Belohnungsreaktion mithilfe von Dopamin auslöst, genauso wie Glücksspiel eine Dopaminausschüttung bewirkt. Der Grund dafür ist, dass Zucker in unserer Vergangenheit sehr wichtig war, jedoch sehr selten. Genauso wie z. B. auch Salz. Damit der Mensch trotzdem die Motivation hatte, danach zu suchen, also die Dopaminausschüttung.

Was bedeutet das jetzt? Ja, man kann eine Reaktion auf Lebensmittel mit Zucker ausbilden, die als Sucht bezeichnet werden könnte. Das macht Zucker jedoch genauso wenig zur Droge wie eine Handtasche eine Droge ist, wenn man kaufsüchtig ist. Und genauso wenig wie Handtaschen muss deswegen Zucker verboten werden, weil es eine „legale Droge“ ist, wie das manchmal gesagt wird. Das ist Quatsch. Und wir müssen auch nicht, um nicht mehr süchtig zu sein, wie beim Alkohol für immer auf Zucker verzichten. Im Gegenteil. Denn die Frage ist natürlich: Wie entwickelt sich eine Sucht nach zuckerhaltigen Lebensmitteln? Warum haben einige das Gefühl "süchtig" nach Zucker zu sein und andere nicht?


Wie wird man "zuckersüchtig"?

Studien zeigen, dass es unterschiedliche Faktoren gibt, die zu einem stark erhöhten, suchtähnlichen Verzehr von bestimmten Lebensmitteln führen. Die Forschung zum Thema Lebensmittel und Sucht wurde überwiegend an Ratten durchgeführt. Das muss man auch dazu sagen. Das heißt nicht, dass diese Studien unwichtig sind, denn Ratten eignen sich schon je nach Fragestellung als Modell. Aber es ist natürlich trotzdem eine wichtige Info.

Und diese Faktoren, die zu diesem suchtähnlichen Verhalten geführt haben, waren zum einen eine Diätgeschichte, also eine Vergangenheit, in der weniger Energie zu sich genommen wurde als benötigt. Auch Stress und besonders die Kombination aus einer Diätgeschichte und Stress. Auf das Essen aufgrund von Stress bin ich in Folge 2 zum emotionalen Essen genauer eingegangen. Außerdem deuten Studien darauf hin, dass besonders die Lebensmittel in großen Mengen zu sich genommen werden, die verboten sind, also die, die nicht immer zur Verfügung stehen. Vor allem in einem Kaloriendefizit bewirken diese Lebensmittel eine besonders starke Belohnungsreaktion.

Dieser kurze Abriss soll nur verdeutlichen, dass das, was vielmals getan wird, um gerade weniger Zucker zu sich zu nehmen, eher dazu führt, dass wir mehr Zucker zu uns nehmen: Diäten, das Verbot von Zucker wie in Zuckerfrei-Challenges oder generell der ausgeprägte Verzicht von Süßigkeiten. Hier ist vor allem die psychologische Komponente wichtig, also hast du das Gefühl des Verzichts? Es kann sein, dass du sehr selten Süßigkeiten isst, weil du sie einfach nicht so gerne magst, dann entsteht natürlich kein suchtähnliches Verhalten, weil du sie dir ja nicht verbietest. Auf der anderen Seite kann es sein, dass du sehr viele Süßigkeiten isst, weil du den starken Drang danach hast, sie zu essen, aber dann eben ein schlechtes Gewissen hast, weil du sie eigentlich nicht essen wolltest. Dann entsteht ebenso ein Gefühl des Verzichts. Eine Zeit, in der man auf Zucker verzichtet, KANN sinnvoll sein, um die Geschmacksknospen an weniger Süße zu gewöhnen, sodass dann auch weniger Zucker ausreicht, um den gleichen Effekt zu erzielen. Wenn der starke Drang nach Süßigkeiten jedoch durch das Verbot an Süßigkeiten entstanden ist, dann sollte erst mal das aufgelöst werden, indem das Verbot gelockert wird, statt es zu verschärfen.


Fazit Zuckersucht

Also: Es ist nicht unglaublich erschreckend, dass Zucker Suchtzentren ansprechen kann, also das Belohnungszentrum, das ist durch die Evolution bedingt so, wie bei allen Dingen, die eine Belohnungsreaktion hervorrufen. Zucker oder generell Lebensmittel sind keine Drogen und der völlige Verzicht, wie das von einigen propagiert wird, ist nicht notwendig, wie das bei echten Drogen der Fall ist, sondern im Gegenteil sogar schädlich. Ein gesunder Umgang mit Lebensmitteln ist hier die Lösung und der entsteht nicht durch Verbote, sondern durch ein Locker lassen.



Musik: Back to Memories von DeKibo, verwendet unter Lizenz von Shutterstock

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