Psychologie des Verhaltens: Warum wir nicht wissen, warum wir tun, was wir tun

Alle | 6. Juni 2025

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Heute möchte ich euch eine spannende Erkenntnis der Psychologie vorstellen, die in sehr vielen Situationen äußerst praktisch zu wissen ist. Das ist das, was ich in der Psychologie so spannend finde: Wenn man plötzlich ganz alltägliche Situationen versteht, versteht warum andere so handeln wie sie handeln, aber auch warum man selbst so handelt wie man handelt.

Die spannende Erkenntnis der Psychologie ist: Wir haben keinen Zugang zu unseren kognitiven Prozessen. D. h. wir wissen nicht, warum wir die Dinge tun, die wir tun. Wir haben keinen Zugriff auf die Prozesse, die dazu geführt haben, dass wir eine Person nicht mögen, dass wir ein Problem gelöst haben oder dass Essdrang entstanden ist.


Wie begründen wir unser Verhalten?

Warum haben wir dann trotzdem eine Antwort, wenn uns jemand fragt: Warum magst du diese Person nicht? Oder: Wie bist du auf diese Idee gekommen? Und warum ist uns eigentlich gar nicht bewusst, dass wir keinen Zugriff auf die dahinterliegenden Prozesse haben?

Weil wir im Nachhinein Erklärungen dafür finden, warum wir so gehandelt haben, wie wir gehandelt haben. Diese Erklärungen basieren auf Plausibilität, auf Erfahrungen, werden beeinflusst von der Kultur, die gewisse Regeln vorgibt, z. B. „Ich bin stehen geblieben, weil die Ampel rot war.“ Und oft sind diese Erklärungen auch richtig. Z. B. ist es in dem Fall an der Ampel sehr wahrscheinlich, dass man die richtige Erklärung für sein Verhalten gefunden hat. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Hast du schon mal die Erfahrung gemacht, dass du in einem Streit dein Verhalten erklärt hast und später ist dir aufgefallen: Das war eigentlich gar nicht mein Grund. Oder ist dir andersherum bei deinem Partner aufgefallen, dass er einmal sein Verhalten so und ein andernmal sein Verhalten anders gerechtfertigt hat? „Das kann doch nicht sein?! Der hat mich angelogen!“, hast du vielleicht gedacht. Tatsächlich hat das aber nicht zwangsläufig etwas mit Lügen zu tun, es kann einfach sein, dass man nun eine andere Erklärung für sein Verhalten für plausibler hält. Was wirklich der Grund für unser Verhalten war, wissen wir nicht.


Experimente, die zeigen, dass wir die Gründe für unser Verhalten nicht kennen

Ein Experiment von Nisbett und Wilson (1977) zeigt, wie sehr uns unser Gefühl, die eigenen Entscheidungen zu verstehen, täuschen kann: Die Teilnehmer der Studie sollten aus vier scheinbar unterschiedlichen Strumpfhosen die auswählen, die ihnen am besten gefiel. Was sie nicht wussten: Alle Strumpfhosen waren absolut identisch. Trotzdem entschieden sich die meisten für das rechte Exemplar. Die Versuchspersonen wurden anschließend gefragt, warum sie sich gerade für dieses Paar entschieden hatten. Niemand gab die Position als Begründung an. Die ganz rechte Strumpfhose wurde aber fast viermal häufiger gewählt als die ganz linke Strumpfhose.

Bei Strumpfhosen ist dies kein Problem, bei politischen Meinungen beispielsweise schon eher.

In einem weiteren Experiment (Nisbett & Wilson, 1977) sahen zwei Gruppen von Studenten jeweils ein Video desselben Psychologiedozenten, einem belgischen Universitätsprofessor. Die Videos waren identisch in Inhalt und Darstellung, mit einer Ausnahme:

  • In Version A war der Professor warmherzig und freundlich.
  • In Version B war er kalt, distanziert und unnahbar.

Nach dem Video sollten die Studenten den Professor bezüglich Aussehen (Attraktivität), Körpersprache und Akzent (ob dieser angenehm oder störend war) bewerten. Die Teilnehmer der Gruppe, die die freundliche Version gesehen hatten, bewerteten den Professor deutlich häufiger auch als attraktiv, charismatisch und angenehm im Auftreten. Die Teilnehmer der Gruppe, die die kalte Version gesehen hatten, bewerteten den Professor häufiger als weniger attraktiv, sein Verhalten als unangenehm und seinen Akzent als störend.

Dies basiert auf dem sogenannten Halo-Effekt (den ich auch hier beschreibe): Die Bewertung eines Merkmals, wie die Freundlichkeit, beeinflusst die Bewertung anderer Merkmale, die eigentlich unabhängig sein sollten, wie die Wahrnehmung eines Akzents.

Auf Nachfrage gaben jedoch die meisten Versuchspersonen an, dass die Beurteilung der Freundlichkeit deren Beurteilung der anderen Merkmale nicht beeinflusst hätte. Stattdessen fanden einige sogar die umgekehrte Begründung, dass sie den Professor nämlich deswegen nicht mochten, weil ihnen beispielsweise der Akzent nicht gefiel.

Das gleiche könnte man sich bei der Rede eines Politikers vorstellen, deren Inhalt wir eher zustimmen, weil wir den Politiker sympathisch finden. Nachträglich finden wir dann Erklärungen, warum wir dessen Meinung ebenso vertreten, unbewusst dass die empfundene Sympathie und der Halo-Effekt die Ursache für unsere Bewertung war und keine rationalen Erklärungen. Die rationalen Erklärungen für die politische Meinung haben wir erst nachträglich konstruiert.

Diese Experimente zeigen: Wir wissen nicht, warum wir Urteile fällen, wie wir zu Bewertungen kommen. Wir haben keinen Zugang zu den kognitiven Prozessen, die einem Urteil vorausgehen. Genauso ist es mit automatischen Handlungen und spontanen Verhaltensweisen, bei denen wir unser Bewusstsein quasi nicht mitinvolvieren. Wir haben keinen Zugriff auf die kognitiven Prozesse, die zu dieser Handlung geführt haben und können im Nachhinein nur spekulieren.


Das Verhalten reflektieren: Gründe für Essanfälle wirklich erkennen

Nichtsdestotrotz kann es sehr hilfreich sein, sich Gedanken darüber zu machen, warum man überhaupt das tut, was man tut. Nehmen wir z. B. die Situation, dass man sich ein Stück Schokolade gönnen möchte (Hier habe ich extra das Wort gönnen benutzt, weil das bei vielen die dahinterliegende Motivation ist. Das Ziel ist aber natürlich, dass wir uns Schokolade nicht gönnen müssen, weil sie immer erlaubt ist.). Man nimmt eine Reihe der Schokolade aus der Packung und nimmt sich fest vor, nur diese Reihe zu essen und den Rest der Tafel wieder in den Schrank zurückzulegen. Nach dem letzten Stück ist aber das Verlangen noch so groß, dass man denkt: „Ach, jetzt ist es auch egal, jetzt esse ich die ganze Tafel.“ Warum denkt man das? Dass eine Reihe Schokolade und eine Tafel Schokolade einen Unterschied macht, ist wahrscheinlich jedem klar (Anders als häufig auf Social Media dargestellt). Aber was, wenn der wahre Grund der ist, dass es dir zu schwer fällt, nach einer Reihe aufzuhören und du deswegen lieber einmal die ganze Tafel isst, als jeden Tag eine Reihe. Dann ergibt das Verhalten durchaus Sinn. Dann ist die dahinterliegende Gedankenabfolge diese: Nur eine Reihe Schokolade zu essen fällt mir so schwer. Dann esse ich jetzt lieber die ganze Tafel und dafür die ganzen nächsten drei Wochen keine mehr. Wenn man sich dieser Erklärung bewusst ist, wird aus einer völlig irrationalen Handlung („Ich weiß doch eigentlich, dass es einen Unterschied macht, ob ich eine ganze Tafel Schokolade esse oder nur eine Reihe!“) eine rationale Handlung. Dadurch ist man erst in der Lage, eine passende Maßnahme zu wählen, nämlich zu überlegen, warum es einem denn so schwer fällt, nach einer Reihe aufzuhören.

Hineinmanövriert hat man sich nämlich in diese Situation, weil man sich nicht jeden Tag eine Reihe Schokolade erlaubt hat, sondern stattdessen nämlich gar keine Schokolade, und dann das Verlangen so groß war, dass man die ganze Tafel gegessen hat. Die Folge: Man denkt, man sei zu undiszipliniert. Mit mehr Disziplin würde man es natürlich schaffen, in dieser Situation keine weitere Schokolade zu essen, aber so viel Disziplin hat kaum jemand und schön ist so ein diszipliniertes Leben auch nicht mehr. Deswegen ist die weitaus bessere Lösung, gar keine Disziplin oder kaum welche zu benötigen, weil das Verlangen einfach deutlich geringer ist. Wenn du diesen Weg gehen möchtest - nicht mehr Disziplin aufbauen, sondern dich mit Leichtigkeit gesund ernähren möchtest, dann schreib mir doch für ein kostenloses, unverbindliches Erstgespräch:

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Das Wissen darüber, dass wir gar nicht wissen, warum wir bestimmte Dinge tun, erlaubt uns, uns weniger schlecht zu fühlen („Warum hab ich denn nur sowas Dummes gemacht?!“) und nochmal tiefer über die Gründe unseres Verhaltens nachzudenken. Wenn wir uns bewusst sind, dass wir die Gründe erst hinterher konstruieren, kann es lohnend sein, zu überlegen, ob nicht auch andere Gründe hinter unserem Verhalten stehen könnten. Erst diese Offenheit erlaubt es uns, zu den richtigen Schlüssen und Maßnahmen für Verhaltensänderungen zu kommen.

Und zuletzt: Trotz dessen können wir natürlich bewusste Entscheidungen treffen, indem wir unser Bewusstsein einschalten. Genau deswegen wollen wir bewusst und achtsam essen, um bewusste, gute Entscheidungen treffen zu können!


Literatur

Nisbett, R. E., & Wilson, T. D. (1977). Telling more than we can know: Verbal reports on mental processes. Psychological review, 84(3), 231.




Musik: Back to Memories von DeKibo, verwendet unter Lizenz von Shutterstock

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