Ist Übergewicht wirklich ungesund und sollte man deswegen abnehmen? Darum - und was die Messtheorie damit zu tun hat - geht's in der heutigen Folge.
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Was bedeutet Übergewicht eigentlich?
Häufig wird Übergewicht anhand des BMI (Body-Mass-Index) definiert. Dabei gilt ein BMI ab 25 kg/m² als übergewichtig und ein BMI ab 30 als Adipositas. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat.
Dies hat durchaus seine Berechtigung, denn das Gewicht allein zu betrachten, wäre wenig sinnvoll – größere Menschen wiegen naturgemäß mehr als kleinere. Problematisch wird es bei der Einteilung in die BMI-Klassen.
Die Problematik des BMI
Die Einteilung in BMI-Kategorien ist problematisch, denn sie basiert - wie jede Messung - auf einem Messverfahren mit Unsicherheiten. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang von Messtheorie: Jede Messung enthält einen wahren Wert und einen Messfehler. Wenn wir Menschen anhand des BMI in die Kategorie "Übergewichtig" einteilen, dann heißt das nicht, dass diese Person auch wirklich in diese Kategorie fällt. Der BMI ist lediglich eine grobe Schablone und kann keine individuelle Gesundheit exakt abbilden.
Ein ähnliches Beispiel ist die Diagnose von Depressionen. Hier gibt es Testverfahren mit Cut-Off-Werten, um zwischen "depressiv" und "nicht depressiv" zu unterscheiden. Doch nicht jeder, der diesen Cut-Off-Wert überschreitet, hat wirklich eine Depression. Wir versuchen nur diesen Cut-Off-Wert so zu legen, dass möglichst viele Menschen korrekt einsortiert werden - zu 100 % wird es aber nicht stimmen, dafür sind Menschen einfach zu unterschiedlich. Genauso ist es beim BMI: Er kann einen Hinweis auf gesundheitliche Risiken geben, aber er ist kein direkter Gesundheitsindikator.
Statt sich auf den BMI zu verlassen, wäre es sinnvoller, andere Gesundheitsmarker heranzuziehen, wie z. B. Blutfettwerte, Entzündungswerte oder Blutzuckerwerte.
Diese Werte sind weitaus aussagekräftiger, wenn es darum geht, gesundheitliche Risiken zu bewerten. Doch leider orientieren sich viele Ärzte noch immer primär am BMI und empfehlen dann Diäten.
Das Problem mit Diäten
Diäten sind in den meisten Fällen nicht nur unwirksam, sondern haben oft erhebliche Nebenwirkungen. Der Glaube, dass weniger Essen automatisch gesünder sei, ist weit verbreitet, aber irreführend. Einschränkungen können zu einem gestörten Essverhalten und anderen gesundheitlichen Problemen führen.
Würde man Medikamente mit einer so geringen Erfolgsrate und so vielen Nebenwirkungen verschreiben, wäre das undenkbar. Doch bei Diäten geschieht genau das.
Der BMI in der Forschung
In wissenschaftlichen Studien kann der BMI durchaus ein nützliches Werkzeug sein, da er eine einfache und kostengünstige Möglichkeit bietet, große Bevölkerungsgruppen zu analysieren. Er liefert auf Durchschnittsebene Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Gewicht und Gesundheit. Doch diese Erkenntnisse lassen sich nicht 1:1 auf Individuen übertragen.
Fazit: Übergewicht ist individuell zu bewerten
Wenn wir von Übergewicht sprechen, müssen wir unterscheiden:
- Ist das Körpergewicht für eine Person individuell zu hoch, sodass damit gesundheitlichen Einschränkungen einhergehen?
- Oder sprechen wir nur von der BMI-Kategorie "Übergewicht"? Dann lässt sich keine pauschale Aussage zur Gesundheit treffen.
Musik: Back to Memories von DeKibo, verwendet unter Lizenz von Shutterstock
